Die rechte "Identitäre Bewegung" entrollten auf dem Brandenburger Tor ihre Parolen. Foto: dpa
Die Rechte will zwanglos wieder hassen dürfen. Doch über alles und jeden Aggressionen abzuladen, hat mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung nichts zu tun. Die Kolumne.
Die Meinungsfreiheit in Deutschland ist das Thema dieses Sommers. Gerade schwillt im Netz die Erregung an. Der vermeintliche Gegensatz von deutscher Identität vs. Einwanderung erzeugt das Bedürfnis, über alles und jeden Aggressionen abzuladen. Öffentlich hassen zu dürfen, als gäbe es kein Morgen. Alles sagen zu können, einfach alles. Das, so liest man in diesen Tagen, bedeutet Freiheit.
Hier sind nicht politische Kontroversen über Flüchtlingspolitik gemeint, die heftig geführt werden. Selbst wenn es hier richtig zur Sache geht, müssen sich die Kontrahenten dabei nicht unbedingt Hass ins Gesicht schmieren. Geschieht es aber doch, soll nach dem Willen vor allem neurechter Gruppen verbaler Hass nicht als das benannt werden, was er ist. Wer darauf hinweist, dass Drohungen, Beleidigung, üble Nachrede oder Volksverhetzung Straftaten bleiben, trotz des hohen Verfassungsguts der Meinungsfreiheit, darf gerade mit viel virtuellem Gezeter rechnen. Mentale Zensur wäre das, es gebe ein natürliches Recht darauf, jemanden hassen zu dürfen. Da sei eine menschliche Emotion wie Liebe, Mitleid, Trauer oder Freude.
Das stimmt. Es gibt ein solches natürliches Recht. Liebe und Hass, Duft oder Ekel, diese Dinge sind mitunter nur Augenblicke voneinander entfernt. Das geltende Recht schützt jedoch Menschen vor den Folgen eines solchen Naturrechtes. Man darf nicht einfach jemanden töten, nur weil man ihn gerade hasst. Man darf ihn weder mit dem Tode bedrohen noch beleidigen oder diffamieren. Und schon gar nicht öffentlich.
Wettrennen wildgewordener Säue
Das ist das segensreiche Ergebnis eines langen Zivilisationsprozesses. Als hätte es den nicht gegeben, entsteht jenseits des Juristischen ein Klima, das weit Gefährlicheres mit sich bringt als ein Wettrennen von wildgewordenen Säuen, die durchs Dorf getrieben werden. Im Netz soll Hasssprache unwidersprochen zum Gewohnheitsrecht, ja zum Naturrecht der Freiheitsliebe erklärt werden.
Was bedeutet es jedoch in der politischen Landschaft, wenn Vernunft weniger gilt als freilaufende Schweine? Das ist das Thema der „Identitären“, die gerade auf dem Brandenburger Tor ihre Slogans entrollt haben. Der Identität vor der Vernunft in der Gesellschaft den Vorrang zu geben, heißt, der losgelassenen Sau im Dorf die Demokratie zu überlassen.
Durch Debatten wie den Historikerstreit hat sich Stück für Stück ein deutsches Selbstverständnis entwickelt, das im Laufe der Zeit auf Hetze und Hass zu verzichten gelernt hat. Besonders wenn es dabei um Minderheiten geht. Die Neue Rechte will diesen Konsens der Nachkriegszeit brechen. Sie will nun endlich, endlich – nach dem viel zu langen Büßen für den Holocaust – wieder die „Wahrheit“ sagen dürfen. Ohne Zwang und Zensur. Und ohne Rücksicht auf irgendwen. Weg mit dem Gewissen, dem Anstand, der Vernunft?
Darauf zu reagieren, zu debattieren, zu streiten – und das ohne Beleidigung, Rassismus und Volksverhetzung – ist wichtig. Am Ende wird es um die Demokratie selbst gehen. Denn nur sie kann Minderheiten vor der Mehrheit schützen. Und jeder ist in irgendetwas die Minderheit.
Also Vorsicht vor freilaufenden Säuen. Wenn sie erst einmal losgelassen sind, werden sie jeden überrennen, der ihnen im Wege steht.
Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.
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