Über die Silvesternacht in Köln ist inzwischen alles gesagt
worden. Jetzt muss abgewartet werden, was die polizeilichen
Ermittlungen ergeben, ob es zu Strafverfahren kommt und ob am
Ende Urteile gesprochen werden. Das kann eine Weile dauern. Genug
Zeit, um über eine Auffälligkeit nachzudenken, die bislang
unbeachtet blieb: Wie kommt es, dass die absurdesten, gemeinsten
und frauenfeindlichsten Kommentare von Frauen geschrieben wurden,
die mehr Verständnis für die Täter als Mitgefühl für die Opfer
der Attacken äußerten?
Die das Geschehen so lange eigenwillig interpretierten, fleißig
kontextualisierten und radikal relativierten, dass man sich am
Ende fragen musste: Wozu die ganze Aufregung? Passiert so etwas
nicht überall und immerzu? Was war denn an Köln so besonders?
Die "Rape Culture", die Kultur der Vergewaltigung, "die offenbar
die Kölner Silvesternacht geprägt hat", so konnte man zum
Beispiel im Berliner "Tagesspiegel" lesen, sei doch "auch Teil
der deutschen Kultur". Denn: "Die weitaus meisten sexuellen
Übergriffe und Vergewaltigungen sind nicht Taten von
Bahnhofshorden, sondern werden von den eigenen Männern und
Freunden begangen."
Waren etwa die Frauen schuld?
Noch bemerkenswerter als diese Logik, die man mühelos auch auf
Mord und Totschlag anwenden könnte, war der Umstand, dass dieser
Beitrag von zwei Frauen geschrieben wurde. Die eine hat sich auf
Umweltberichterstattung mit den Schwerpunkten Klimawandel und
Energiewende spezialisiert, die andere auf Migration,
Minderheiten, Bürgerrechte und Geschlechterpolitik.
Die Zusammenarbeit führte zu einer Hypothese, die mitnichten
ironisch gemeint war: "Womöglich sind aber auch Frauen dabei, die
gar nicht Opfer geworden sind, sondern aus politischer
Überzeugung der Meinung waren, dass die Täter mit
Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die das Chaos auf der
Domplatte für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben, abgeschoben
gehören. Das hoffen sie womöglich mit einer Anzeige zu
beschleunigen."
Nicht die Männer hatten es also auf die Frauen abgesehen, sondern
die Frauen auf die Männer, um den Behörden einen Grund zu geben,
die mutmaßlichen "Täter mit Migrationshintergrund" abschieben zu
können. Offen blieb nur, ob die Frauen tatsächlich sexuell
belästigt worden waren oder die "Übergriffe" erfunden hatten, um
ihr Ziel zu erreichen. In diesem Fall muss die Vernetzung optimal
gewesen sein, anders wäre eine "konzertierte Aktion" in zwölf
Bundesländern nicht zu erklären.
Nicht Ausländer, "Arschlöcher" waren es
Der "Tagesspiegel"-Artikel war womöglich der krasseste seiner
Art, aber bei Weitem nicht der einzige. Das Wort von der "Rape
Culture" zog sich wie ein Leitmotiv durch die Beiträge,
unterfüttert mit dem Hinweis, dass Vergewaltigung in der Ehe erst
vor Kurzem zur Straftat erklärt wurde. Sehr beliebt war ebenfalls
die Feststellung, dass auch im Karneval und beim Oktoberfest
sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung wären. Die
ZDF-Moderatorin Dunja Hayali fasste alle diese Erkenntnisse auf
ihrer Facebook-Seite in einem Satz zusammen: "Nicht Ausländer,
sondern Arschlöcher belästigen Frauen", was man durchaus als eine
neue Variante des Generalverdachts, diesmal gegenüber der bisher
unbescholtenen Spezies der Arschlöcher, verstehen konnte.
Und, wie gesagt, alle diese Beiträge, in denen bis zur
Selbstverleugnung differenziert wurde, trugen die Signatur von
Frauen. Männer, die zu der Horrornacht Stellung nahmen,
distanzierten sich derweil vorbehaltlos von den Tätern.
(Ausnahme: Jakob Augstein, der von einem Flashmob fantasierte.)
Ein grüner Politiker in Hamburg ging sogar so weit zu sagen,
jeder Mann sei "ein potenzieller Vergewaltiger, auch ich".
Um das Bild abzurunden, soll hier noch ein weiteres Beispiel für
ein Verhalten genannt werden, das alle Grenzen der Fürsorge
überschreitet. Amelie Fried, erfolgreiche Autorin,
Fernsehmoderatorin und bei Bedarf auch Feministin, schrieb in
einem kurzen Essay, wie sie vor Jahren mit ihrer Familie ein
Weihnachtsfest für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
ausrichtete. Es gab Lebkuchen, Obst und Süßigkeiten, und man hat
zusammen "Stille Nacht, heilige Nacht gesungen". Allerdings: "Am
Ende der Feier war unsere Gitarre verschwunden."
Amelie Fried und ihre Gitarre
Zuerst, erinnert sich Frau Fried, sei sie "enttäuscht" gewesen,
dann "belustigt" und schließlich "beschämt". Wie "um Himmels
Willen" habe sie nur annehmen können, "die Jugendlichen müssten
uns dankbar sein"?
Foto: Annette Hornischer
Autorin Amelie Fried
Es war genau andersrum. "Wir hatten Grund, ihnen dankbar zu sein.
Sie haben uns mit einem Schlag die Relationen wieder
zurechtgerückt, die uns verrutscht waren." Und: "Wir waren froh,
dass die Jungs unsere Gitarre behalten hatten. Die Lektion, die
wir dadurch gelernt haben, war deutlich mehr wert als das
Instrument."
So lägen die Dinge auch heute. Es müsse demütigend sein, "von uns
nehmen zu müssen". Aber, wir könnten "diesen Menschen ein Stück
ihrer Würde zurückgeben, indem wir keine Dankbarkeit erwarten".
Und uns immer sagen: "Wenn wir es schaffen, diese Menschen gut in
unser Land zu integrieren, wird eines Tages mehr von ihnen
zurückkommen, als wir ihnen jemals gegeben haben."
Auch Frau Frieds Menschlichkeit ist nicht frei von
Kosten-Nutzen-Überlegungen. Die Flüchtlinge als Humankapital, in
das man investieren muss, damit die Rendite stimmt. Sonst könnte
man gleich griechische Staatsanleihen kaufen. Ist das alles, was
Amelie Fried gelernt hat, nachdem die Jungs "ihre Gitarre"
behalten haben?
Frauen und Juden
Es steht ihr frei, ihren iPad, die iPods ihrer Kinder und das
iPhone ihres Mannes herzugeben, in ihrem Wohnzimmer eine
Suppenküche einzurichten und so viele Benefiz-Abende
auszurichten, wie es ihr Terminkalender zulässt. Sie möge bitte
nur nicht behaupten, sie habe irgendeine Lektion gelernt. Denn
sie hat, wie viele ihrer Mitstreiterinnen, bis heute nicht
begriffen, was in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar in
Köln und an anderen Orten passiert ist.
Es war ein Pogrom. Erstaunlich nur, das bis jetzt niemand auf
diesen Begriff gekommen ist, wo doch alle, die sich ungerecht
behandelt fühlen, von den Vegetariern bis zu den "KZ-Hühnern",
darum wetteifern, "die Juden von heute" zu sein.
Wie es sich für ein Pogrom gehört, gab es Täter, Opfer und
Zuschauer. Die Täter waren rücksichtslos, die Opfer hilflos und
die Zuschauer haben zugeschaut. Es ist irrelevant, ob es echte
Vergewaltigungen oder "nur" sexuelle Nötigungen im Sinne des
§ 177 StGB waren. Ein Mensch, der Spießrutenlaufen
muss, dabei angefasst, bedrängt, geschlagen und verhöhnt wird,
erlebt eine Vergewaltigung. Man muss nicht Historiker oder
Antisemitismus-Experte sein, um Parallelen zu den antijüdischen
Pogromen aus der Zeit vor dem Holocaust zu erkennen.
Armlänge zeigen
Nun sind Frauen, anders als die Juden, keine Minderheit. Und
niemand bereitet die "Endlösung der Frauenfrage" vor. Aber der
Hass auf Juden und der Hass auf Frauen sind nahe Verwandte. (Wer
es genauer wissen möchte, sollte
"Geschlecht und Charakter" von Otto Weininger lesen .)
Altes Kulturerbe, das nachwirkt, allen Erfolgen der Emanzipation
und den Bemühungen der Gleichstellungsbeauftragten zum Trotz.
Dass der ewig wandernde Jude inzwischen in Israel sesshaft
geworden ist und so manches Land und manche Institution von
Frauen regiert wird, hat weder an dem einen noch dem anderen
Ressentiment etwas geändert. Sowohl Frauen- wie Judenhasser
fühlen sich von den Objekten ihrer Wut herausgefordert,
provoziert. Kein Antisemit, der nicht "dem Juden" die Schuld
dafür geben würde, was er ihm antun musste; und kein
Vergewaltiger, der die Frau, die er vergewaltigt hat, nicht dafür
verantwortlich machen würde, was ihr zugestoßen ist.
Foto: dpa Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker auf ihrer
legendären Pressekonferenz in Köln am 5. Januar 2016
Es gibt noch mehr Parallelen. Der Vorsitzende des Zentralrates
der Juden,
Josef Schuster, hat vor Kurzem rhetorisch angefragt,
"ob es tatsächlich sinnvoll ist, sich in Problemvierteln, in
Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil als Jude durch das
Tragen der Kippa zu erkennen zu geben – oder ob man da besser
eine andere Kopfbedeckung trägt". Die Kölner Oberbürgermeisterin,
Henriette Reker, hat den Frauen in ihrer Stadt geraten, "eine
Armlänge" Abstand zu Fremden zu halten und "sich in Gruppen
zusammenzufinden, sich nicht trennen zu lassen, auch nicht in
Feierlaune".
Frauen und das Stockholm-Syndrom
Sich unsichtbar zu machen, nicht aufzufallen taugt als
Vorsichtsmaßnahme ebenso wenig wie die Flucht in die Gruppe. Der
Frauenhasser wird ebenso wie der Judenhasser immer einen Grund
finden, seinen inneren Schweinehund von der kurzen Leine zu
lassen. Wenn es nicht das Aussehen ist – Kippa und Schläfenlocken
da, Minirock und bauchfreies Top dort – dann ist es eben das
freche Auftreten und ganz am Ende der Argumentationskette die
Tatsache, dass der Jude ein Jude und die Frau eine Frau ist. Das
reicht.
Bleibt am Ende die Frage, warum es ausgerechnet manchen Frauen
der gebildeten Stände schwerfällt, diesen Zusammenhang zu
begreifen, warum sie in dem Aggressor jemand sehen, den sie
therapieren wollen.
Ist es der Ausdruck unterdrückter Mütterlichkeit? Oder ein Akt
vorsorglicher Unterwerfung? Also das Verhalten von Sklaven,
pardon: Sklavinnen, eine frauenspezifische Variante des
Stockholm-Syndroms?
"Wir sind ... eine Einwanderergesellschaft", verlautbarte nach
der langen Kölner Nacht eine links-alternative Kommentatorin im
Deutschlandfunk, mit und unter uns würden "nun auch Einwanderer
mit einem archaischen, sexistischen Frauenbild" leben. "Die
müssen in die Verantwortung genommen und nicht weggeschoben
werden. Das ist übrigens auch die einzige Art, wie man die Angst
vor dem Fremden los wird: ihn zu einem Bekannten zu machen."
Notfalls um Mitternacht auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof.
Jetzt müssen wir es nur noch schaffen, diese Menschen in unser
Land zu integrieren, damit wir eines Tages mehr von ihnen
zurückbekommen, als wir ihnen jemals gegeben haben. Und wenn
alles gut geht, wird auch eine neue Gitarre für Amelie Fried
dabei sein.
Quelle: http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article151535590/War-das-was-in-Koeln-geschah-ein-Pogrom.html
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