Kisslers Konter: Migranten sind nun Flüchtende, Studenten
Studierende, der Mörder wird zum Märtyrer. Auf allen Ebenen schreitet
die Neudefinition der Sprache voran. So schwindet das Band, das uns
verbindet – zu ideologisch fragwürdigen Zwecken
Begriffe sind der Kompass auf dem Ozean der Gegenwart. Nicht
deshalb, weil sie den, der sie im Mund führt, zum Kapitän in allen
Weltanschauungsstürmen machen. Nein, Begriffe formen aus verängstigten,
großmäuligen, sehnsüchtigen Einzelnen eine Gemeinschaft. Zum
Narrenschiff wird unser Gemeinwesen, wenn niemand mehr weiß, was
eigentlich gemeint ist, wenn wir dieses oder jenes Wort aussprechen.
Nach Babylon führen die Wege, sobald jeder Satz nur das Kostüm dessen
ist, der gerade redet. Lächelnd delirieren wir.
Deshalb ist die Geschwindigkeit, mit der die derzeitige
Begriffsverdummung sich vollzieht, atemberaubend, hirnerweichend,
programmatisch. Hartnäckig hält sich etwa die ganz irrige Auffassung,
Märtyrer und Selbstmordterroristen seien irgendwie dasselbe. Sie sind
das glatte Gegenteil: Der Märtyrer erleidet seinen eigenen Tod, den er
nicht suchte, als Preis für die Treue zur guten Botschaft. Der
Selbstmordterrorist reißt andere planvoll mit in den Tod, weil er sein
Leben dem Bösen geweiht hat.
Galgenstrick der Menschlichkeit
Dennoch fühlen sich Künstler – auch mit diesem Begriff wird Schindluder getrieben – dazu berufen,
„den Begriff des Märtyrers zu erweitern.“
Die islamistischen Massenmörder des Massakers im Pariser Bataclan mit
89 Toten sollen ausweislich einer staatlich geförderten Ausstellung im
links regierten Berlin-Kreuzberg zu denselben Märtyrerehren gelangen wie
Sokrates oder Martin Luther King. Das ist so dumm, dass es schmerzt, so
roh, dass es wehtut, und dennoch werden viele Zeitgenossen der
Begriffsvertauschung auf dem Leim gehen. So wird das Band der Menschheit
zum Galgenstrick der Menschlichkeit.
Im selben links bis linksextrem regierten Berliner Bezirk werden bekanntlich in einer weiteren
Ausstellung Drogendealer aus Schwarzafrika
dafür gefeiert, dass sie „unerschrocken und tapfer“ ihrer kriminellen
Tätigkeit nachgehen. Tapferkeit soll neuerdings die Eigenschaft von
Gesetzesbrechern sein; sie riskieren immerhin, erwischt und verurteilt
oder von ihren Opfern zur Rechenschaft gezogen zu werden. Oh, wie tapfer
war Al Capone, wie tapfer Charles Manson, wie tapfer erst Osama bin
Laden. Die Leichen sind Späne, die fallen, wenn die Weltgeschichte
hobelt? Dann sind wir alle Stalinisten des Kalenders.
„Die toten Studierenden begannen zu verwesen“
Auch in alltäglicheren Fällen halten die begrifflichen Rosstäuscher
Karneval. Wo Inkompetenzen gebündelt werden, spricht man von
Kompetenzzentren. Wo Bildung verklappt wird, hat die Bildungsreform ein
Heimspiel. Wo Studenten für den ideologischen Nahkampf ertüchtigt werden
sollen, da sind es Studierende, wo Migranten von einem bedenklichen
Aufenthaltsstatus befreit werden sollen, da sind es allesamt Flüchtende –
die Vulgärpartizipien sind ein Kapitel für sich in der allgemeinen
Geistaustreibung dieser Tage und kein strahlendes.
Soeben lud eine parteinahe Stiftung namens der „Veranstaltenden“ zu
einer Veranstaltung: als wären die Veranstalter Tag und Nacht und
immerzu mit dem Veranstalten beschäftigt, als studierten Studenten ohne
Unterlass und auch dann, wenn sie im Schwimmbad schwimmen oder in der
Mensa essen, als flöhen Zugewanderte auch dann noch, wenn sie das Ziel
ihrer Wanderung auf legalen oder illegalen Wegen erreicht haben. Den
gerechten Spott über so viel Wortblödigkeit
goss unlängst im Cicero der Komiker Jürgen von der Lippe, als er im aktuellen Stil korrekt, aber sinnwidrig formulierte: „Die toten Studierenden begannen zu verwesen.“
Warum das Ganze?
Die Spätmoderne tritt also in ihre mephistophelische Phase. Mephisto
war es, der die Menschen ihrer begrifflichen Leichtgläubigkeit zieh,
„denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich
ein.“ Heute wird mit Worten jongliert, um die Begriffe zu entleeren. Und
warum das Ganze? Weil jeder Kompass stört, wenn ein neues Schiff auf
große Fahrt zieht, dessen Ziel niemand kennen darf. Weil begriffliche
Ordnung wie jede Ordnung bewahrenden Charakter hat und nichts bewahrt
werden soll unter Utopias neuer Sonne. Weil wir nicht merken sollen,
dass kein Tau uns an Überliefertes binden darf. Darum werden die alten
Begriffe aufgerufen, die alten Stücke aufgeführt von Tapferkeit und
Heldentum und Heimat, ohne dass die Geschichten mit den Begriffen
übereinstimmten. Das Tohuwabohu geht der Tabula Rasa voraus. Wehret den
Schlusspunkten.
Quelle: https://www.cicero.de/kultur/sprachregelungen-schluss-mit-der-begriffsverdummung
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